Ines-Jacqueline Werkner

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Es ist der fünfte Kriegssommer in der Ukraine. Mittlerweile hat Russland knapp 20 Prozent des ukrainischen Territoriums eingenommen. Der zunehmende Drohneneinsatz hat die Kriegsführung noch einmal verändert und die Gewalt deutlich erhöht: An der Frontlinie führt die Drohnenkriegsführung zu einem „hochgradig transparenten Gefechtsfeld“ und zur „Etablierung von Todeszonen“ (Andreas Rapp). Für die Zivilbevölkerung bedeuten die Drohnenschwärme einen nahezu pausenlosen Krieg. Nach einer im Juli 2026 veröffentlichten Studie des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS) sind auf beiden Seiten insgesamt bereits mehr als zwei Millionen Soldatinnen und Soldaten getötet, verletzt oder als vermisst gemeldet worden. Hinzu kommen die täglichen Angriffe auf die Bevölkerung und die zivile Infrastruktur in der Ukraine. Die Anzahl der getöteten Zivilistinnen und Zivilisten hat laut Zählungen der UN 50.000 überschritten (statista, Stand: 13. August 2026). In der Realität dürften diese Zahlen jedoch nur einen kleinen Teil der Opfer abbilden.
Dennoch: Die Kämpfe dauern unvermindert an und ein Ende scheint nicht in Sicht.
Dass der Ukrainekrieg ein langer Krieg werden würde, wurde schon früh prognostiziert:
„Vielmehr wird es auf einen langen Krieg, einen Abnutzungskrieg, hinauslaufen, mit hohen Verlusten auf beiden Seiten, an dessen Ende alle Parteien de facto nur noch verlieren können“ (Ines-Jacqueline Werkner 2022).
„Statt einer Verhandlungslösung zeichnet sich ein langer Abnutzungskrieg ab, in dem die Ukraine auf Jahre hinaus wirtschaftlich, finanziell und militärisch unterstützt werden muss“ (Nicole Deitelhoff 2023).
Aber was steht einem Ende des Ukrainekrieges entgegen?
Wie enden Kriege?
Prinzipiell können Kriege auf verschiedene Weise beendet werden, nach Sandra Destradi und Andreas Mehler durch (1) den militärischen Sieg einer Seite, (2) einen Friedensschluss, (3) die Intervention Dritter (um einer Seite zum Sieg zu verhelfen oder aber einen Friedensschluss zu erzwingen) sowie (4) eine Transformation des Krieges in einen Konflikt niedrigerer Intensität. Sodann können Kriege auch (5) durch den Wegfall des Streitobjektes beziehungsweise des Kriegszieles beendet werden.
Nach einem Datensatz der Universität in Uppsala (Uppsala Conflict Data Program, 1946-2005) endet nur jeder fünfte zwischenstaatliche Krieg mit einem militärischen Sieg. Diese sind dann auch – empirisch betrachtet – kürzer als andere. Dagegen kommt fast die Hälfte der zwischenstaatlichen Kriege durch eine Verhandlungslösung zu einem Ende, beispielsweise durch einen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen. Die Voraussetzungen für einen Verhandlungsfrieden sind allerdings hoch. Nach der von I. William Zartmann begründeten Reifegrad-Theorie (ripeness theory) werden Verhandlungen erst möglich, wenn die zu erwartenden Kosten einer Weiterführung des Krieges die angenommenen Gewinne übersteigen. Dies kann sehr unterschiedlich motiviert sein, beispielsweise eine von beiden Kriegsparteien anerkannte militärische Pattsituation umfassen, die Befürchtung beinhalten, als Pariastaat international isoliert zu sein, oder aber auch durch einen zunehmenden innenpolitischen Druck, verbunden mit der Gefahr eines Regimewechsels, erfolgen. Zudem müssen nach der Reifegrad-Theorie beide Kriegsparteien die Perspektive eines Ausweges sehen.
… und warum nicht im Ukrainekrieg?
Die Kriegskosten im Ukrainekrieg sind hoch, sowohl mit Blick auf die Opfer als auch in Bezug auf die steigenden Kosten und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Probleme. Dennoch führen diese nicht zu einem Umdenken der Kriegsparteien. Im Gegenteil: Noch hofft jede Seite auf einen militärischen Sieg. Jede neue Großoffensive, jede zum Einsatz kommende neue Waffenkategorie und auch jede neue Technologie verstärken „die Hoffnungen auf immer neue mögliche kriegsentscheidende Momente“ (Jörn Leonhard). Russland sieht sich auf der Gewinnerseite und ist überzeugt, „dass die russische Wirtschaft länger durchhalten werde als die ukrainische, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine mit der Zeit nachlassen werde und dass sich Russlands enorme Ressourcenüberlegenheit früher oder später entscheidend auswirken werde“ (Nickolay Kapitonenko). Die Ukraine versucht inzwischen, den Krieg auch in Russland wahrnehmbar werden zu lassen. Die jüngste ukrainische Offensive hat etliche Ziele tief im russischen Gebiet zerstören können wie Militärflugplätze, Ölraffinerien und Energieanlagen sowie Munitions- und Treibstoffdepots. Der Preis war allerdings hoch: Russland antwortete mit verstärkten Angriffen auf die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur. Letztlich führte die ukrainische Offensive nicht zu einer Schwächung Russlands, sondern nur zu einer weiteren Eskalation des Krieges. Warum bewirkt aber der zunehmende Druck auf Russland – und dazu gehören auch die westlichen Sanktionen und die stetigen Waffenlieferungen an die Ukraine – kein Umdenken bei Wladimir Putin?
Beide Kriegsparteien haben wenig Handlungsspielraum. Für die Ukraine geht es um das Überleben und die Existenz des ukrainischen Staates. Dabei werden Kompromisse mit steigenden Opferzahlen immer schwieriger:
„Lange dauernde Kriege fordern enorme Verluste. Ein Siegfrieden legitimiert diese Opfer im eigenen Land nachträglich, während Zugeständnisse oft als Verrat empfunden werden. Man muss also den Glauben an die letzte Anstrengung aufrechterhalten, weil die Opfer nicht umsonst gewesen sein dürfen“ (Jörn Leonhard).
Auch für Putin gibt es derzeit kaum einen Weg zurück – unabhängig davon, wie hoch die Kriegskosten für Russland werden. In treffender Weise beschreibt Nina L. Khrushcheva die Situation:
„Putin hat seinen Krieg in der Ukraine begonnen, um Stärke zu demonstrieren. Ihn unter Druck zu beenden, würde bedeuten, dies aus einer Position der Schwäche heraus zu tun. Für einen Staatschef, dessen Autorität auf Gewalt und Angst beruht, würde ein derartiges Ergebnis eine existenzielle Bedrohung darstellen.“
Was denken aber die Bevölkerungen über den Krieg?
Meinungsumfragen sind in autoritären Regimen – und zudem in Kriegszeiten – schwierig. Wie valide können sie angesichts des innenpolitischen Drucks sein? Das einzige staatlich unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland ist das Lewada-Institut, aber auch hier sind Verzerrungen durch vom Staat erwünschtes Antwortverhalten nicht auszuschließen. Nach dem Politikwissenschaftler Heiko Pleines stellen die „öffentlich geäußerte[n] Meinungen“ aber „eine kollektive Bewertung der akzeptablen Meinungen“ dar.
Die Mehrheit beider Bevölkerungen geht davon aus, dass ihr Land diesen Krieg letztlich gewinnen wird: 74 Prozent der Befragten in Russland und 82 Prozent der Befragten in der Ukraine (Lewada-Institut, Kyiv International Institute of Sociology, KIIS). Beide Bevölkerungen unterstützen den Kurs ihrer Regierungen. Nach der Lewada-Umfrage gaben drei Viertel aller Befragten in Russland an, das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine zu unterstützen. Auch Åsne Seierstad, eine norwegische Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin, die als „Touristin“ zahlreiche Interviews in Russland durchgeführt hat, berichtet:
„Ich glaube, ich habe sie alle getroffen. Ich habe einige Leute getroffen, die einfach glauben, dass die da oben es besser wissen, was auch sehr typisch russisch ist. […] Und viele Menschen glauben auch an die Propaganda, dass Russland sich nur verteidigt, dass es einen Plan gab, eine Verschwörung, dass Amerika in Russland einmarschieren will und dass man sich dagegen nur verteidigt.“
Ungeachtet der hohen Unterstützung des Kurses der eigenen Regierung zeigt sich aber auch in beiden Ländern eine zunehmende Kriegsmüdigkeit. So sprechen sich mittlerweile die Mehrheiten der Befragten in beiden Ländern für Verhandlungen aus: 61 Prozent der Befragten in Russland (Lewada-Umfrage) sowie 69 Prozent der Befragten in der Ukraine (Gallup-Umfrage). Könnte daraus ein innenpolitischer Druck entstehen, der ein Kriegsende befördert? Hier gibt es keine einfachen Antworten. Die Kriegsmüdigkeit wirkt sich in beiden Ländern sehr unterschiedlich aus: Die Ukrainerinnen und Ukrainer befinden sich in einer latenten Spannung zwischen Frieden und Freiheit, zwischen Kompromissbereitschaft und Existenzkampf. In Russland wünscht sich zwar die Mehrheit der Bevölkerung ein Ende der Kampfhandlungen, zugleich unterstützen sie aber auch die Forderungen Putins. „Letztlich wünschen sie sich eine Niederlage der Ukraine ohne jede Barmherzigkeit“ (Lew Gudkow, Leiter des Lewada-Instituts). Kriegsmüdigkeit führt also nicht zwingend zur Kompromissbereitschaft.
Fazit
Die Aussichten auf einen Frieden scheinen düster. Die Hoffnung, gerade im Westen, dass eine militärische Pattsituation die Chancen auf Friedensverhandlungen befördert, hat sich bislang nicht erfüllt. Ebenso ist innenpolitisch ein Regimewechsel in Russland nicht erkennbar. Und auch das Ziel des Westens, Russland angesichts des Angriffskrieges auf die Ukraine international zu isolieren, ist nicht gelungen. Auch der ukrainische Politikwissenschaftler Nickolay Kapitonenko konstatiert:
„Die bisherigen ukrainischen Versuche, Russland zum Frieden zu zwingen, zeigen, dass weder höhere Verluste und neue Sanktionen noch weitreichende Angriffe oder die Erwartung eines Zusammenbruchs des russischen Regimes oder seiner Wirtschaft ausreichen, um Moskau zum Einlenken zu bewegen.“
Dabei zeigt gerade die Reifegrad-Theorie, dass eine Erhöhung des Drucks auf Russland allein nicht hinreichend ist. Es bedarf zusätzlich der Perspektive eines Ausweges. Beide Seiten müssen „einen akzeptablen Weg aus dem Krieg erkennen können“ (Nickolay Kapitonenko). Nötig sind Vorstellungen von einer künftigen Friedensordnung. Diese muss die Interessenlagen und Sicherheitsbedürfnisse beider Seiten berücksichtigen und zumindest einen negativen Frieden – und damit ein Schweigen der Waffen – ermöglichen, aber auch Optionen künftiger kooperativer Strukturen aufzeigen und perspektivisch auf einen nachhaltigen Frieden ausgerichtet sein. Friedenspolitisch wäre es an der Zeit, solche Wege zu eruieren und in politische Debatten einzubringen.
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